
Krügervilla um 1920
|
Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und demokratischer
Politiker Krüger wurde am 11. August 1871 in Dorpat geboren. Verstorben ist
H.A.K am 10. Dezember 1945 in Neudietendorf.
Er entstammt einer alten herrnhutischen Familie, studierte ursprünglich
Theologie am brüderkirchlichen Seminar im schlesischen Gnadenfeld, um dann allerdings
nach dem ersten Examen (nicht ohne Erscheinungen einer religiösen Krise,
die erst viel später überwunden wurde) an die Leipziger Universität zu
wechseln (Geschichte, Nationalökonomie, Geographie, Germanistik und
Bibliothekswissenschaft). Nach der Leipziger Promotion (1898) war H.A.K. im
Schuldienst sowie in Bibliotheken und Museen, zumal in Dresden, tätig; er
beteiligte sich hier auch an öffentlichen Theaterdebatten. 1905
habilitierte er sich an der Technischen Hochschule in Hannover, wurde dort Privatdozent
und (1909) Professor. Entsprechend dieser beruflichen Entwicklungen war in
der Zeit vor dem ersten Weltkrieg Literaturwissenschaftliches ein
Schwerpunkt von H.A.K.s Publikationen. Zusammen mit Adolf Stern gab er das
»Deutsche Literaturlexikon« heraus. K.s Name hatte früh seinen eigenen
Wert. Er wurde zu Vorlesungen in die USA eingeladen, wirkte in der
Deutschen Schiller-Stiftung und hielt eine Ansprache anläßlich der
Beisetzung Wilhelm Raabes, mit dem er befreundet gewesen war. Allerdings
war H.A.K. schon in dieser Zeit vor dem ersten Weltkrieg nicht nur als
Wissenschaftler, sondern auch als Schriftsteller bekannt. Sein Hauptwerk,
das sein umfangreiches literarisches Œuvre (Dramen, Erzählungen, Essays)
überdauert hat, ist bereits 1904 erschienen, der »herrnhutische Bubenroman«
»Gottfried Kämpfer«, der einerseits den vielen Schulromanen in der
deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zuzuordnen ist, andererseits in
die Reihe jener Erziehungsromane gehört, die das im engeren Sinne
Schulische übergreifen und eine »pädagogische Provinz« im goetheschen Sinne
beschreiben. Unter diesen Erziehungsromanen hat »Gottfried Kämpfer«
insofern einen eigenen Rang, als er ein (durchaus nicht apologetischer)
christlicher Erziehungsroman, im engeren Sinne eben ein herrnhutischer ist.
Nach dem ersten Weltkrieg, den er von Anfang August 1914 bis Ende November
1918 (lange Zeit vor Verdun) als Soldat erlebte, verlagerten sich die
Interessen H.A.K.s aufs Wissenschaftsorganisatorische (zunächst als
Direktor der berühmten Gothaer Bibliothek) und Politische (ohne daß er
seine schriftstellerischen Neigungen aufgab, geschweige denn seine Hobbies,
u.a. der Koniferenzucht und des Grafiksammelns). So finden wir H.A.K., der
schon seit 1904 der Nationalliberalen Partei angehört hatte, 1918/19 beim
Aufbau der Deutschen Demokratischen Partei im noch zersplitterten
Thüringen, 1919 als Mitglied der Gemeinschaftlichen Landesversammlung
Koburg/Gotha, 1920 als Abgeordneten des Landtages des neu organisierten
Landes Thüringen. Er gehörte kurzzeitig der ersten Landesregierung
(Staatsrat) an und wäre 1928 (er war auch Fraktionsvorsitzender der DDP)
beinahe thüringischer Ministerpräsident geworden. Im Landtag ist K.
wiederholt als Redner nicht nur in landes (zumal kultur-) politischen,
sondern auch in prinzipiellen Fragen aufgetreten, so etwa in der Polemik
mit dem völkisch-rassistischen Abgeordneten Dinter. 1925 unternahm H.A.K.
im Rahmen einer Delegation von Pädagogen eine damals und auch noch später
viel beachtete Reise in die UdSSR; gleichzeitig hatte er wie viele andere
bürgerlich-demokratische Politiker in der Frage der sog. Fürstenenteignung
eine ziemlich radikale Position eingenommen. Diese Ereignisse führten zur
Versetzung des Gothaer Bibliotheksdirektors in den Wartestand, wobei wohl stärker
der Einspruch des Hauses Sachsen-Koburg-Gotha gegen ihn in Sachen
Fürstenenteignung wirksam war (hierzu war die Veröffentlichung einer später
auch dramatisierten Erzählung »Verjagtes Volk« getreten, die einen
antifeudalen Akzent trug). Nachdem sich H.A.K. seit 1928 mehr aus dem
öffentlichen Leben zurückgezogen hatte, übernahm er die Leitung der
Altenburger Landesbibliothek. Neben der Weiterverfolgung literarischer
Pläne widmete er sich in dieser Zeit insbesondere
bibliothekswissenschaftlichen Untersuchungen, so über die Atltenburger
Linck- und Lutherdrucke. Der Entfernung aus diesem Amt gingen 1934
zahlreiche demagogische publizistische Äußerungen gegen H.A.K. voraus. In
den letzten zehn Jahren seines Lebens in Neudietendorf nahm K. literarische
und wisssenschaftliche Themen früherer Jahre wieder auf (so schrieb er
neuerlich über Raabe), und er arbeitete auch an der Fortsetzung seiner 1922
erschienenen »Jugendrechenschaft«; diese unveröffentlichten Erinnerungen
stehen unter dem Titel »Mannesrechenschaft«. In H.A.K. haben wir den
seltenen Fall eines protestantischen, noch dazu aus einer pietistisch
geprägten Umgebung gekommenen Intellektuellen im frühen 20. Jahrhundert vor
uns, der den Weg zu einer konsequent demokratischen Haltung, fern sozial
retrograder und nationalistischer Positionen, gefunden und diese unter je
schwierigen gesellschaftlichen Verhältnissen, zumal gegenüber dem
NS-Regime, bewahrt hat. Zugleich gelang es H.A.K.,
solche Haltung wissenschaftlich zu reflektieren, sie als Parlamentarier
politikfähig zu machen, ihr publizistisch Ausdruck zu verleihen und sie
literarisch zu gestalten. H.A.K.s bedeutendstes Werk »Gottfried Kämpfer«
ist zu einem Begriff geworden, der sich oft genug von seinem Schöpfer
abgetrennt hat (Titel und Gestalt haben sich gleichsam verselbständigt).
Dieser Roman gestaltet eine protestantische Existenz, die von
Glaubenskämpfen, von Schuld und Buße ebenso geprägt ist wie von der
Erfahrung der Freudenbotschaft, vom Dienst an den anderen und (um auch das
Pädagogische zu betonen) von einer Erziehung, die Glaubensernst mit der
Entfaltung aller schöpferischen Kräfte des Menschen (auch der sportlichen
und musischen) verbindet. Im Gegensatz zur Fortsetzung des »Gottfried
Kämpfer«, dem Roman »Kaspar Krumbholtz«, lebt das Hauptwerk H.A.K.s gerade
auch davon, wie die Glaubenszweifel seines Verfassers zur Sprache gebracht
und in einer lebendig durchgestalteten Handlung überwunden werden. So hat
dieser Roman im Laufe des Jahrhunderts immer wieder Neuauflagen erlebt und
seine Leser/innen gefunden.
Werke: Herman Anders Krüger, Vermächtnis des Tacitus, 1895; Ders.,
Waldhüters Weihnacht (Festspiel), 1897; Ders., Ritter Hans (Schauspiel),
1897; Ders., Sirenenliebe (Roman), 1897; Ders., Weg ins Tal (Roman), 1903;
Ders., Der junge Eichendorff, 1898 und 1903; Ders., Gottfried Kämpfer,
1904; Ders., Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater, 1904; Ders.,
Pseudoromantik (Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis), 1904; Ders.,
Der Kronprinz (Schauspiel), 1907; Ders., Der Graf von Gleichen (Schauspiel),
1908; Ders., Kaspar Krumbholtz (Roman), 1909/10; Ders., Der junge Raabe,
191l; Ders., Die Pelzmütze (Lustspiel), 1913; Adolf Stern und Ders.,
Deutsches Literaturlexikon, 1914; Ders., Sohn und Vater, 1922; Ders.,
Verjagtes Volk (Erzählung), 1924; Ders.,: Barmherzigkeit (Novellenkranz),
1925; Ders., Die sieben Räudel (Roman), 1927; Ders., Die Maulschelle
(Erzählung), 1931; Ders., Neudietendorf und seine merkwürdige Geschichte,
1943.
|